Zurück zum Anfang

Von „Sherlock“ zu Sir Arthur Conan Doyle

Quelle: sherlockoloy.com

Mit Fernsehserien ist es so eine Sache. Als Zuschauer muss man erst einmal warm werden mit den Figuren, den Schauspielern und man muss natürlich der Geschichte, die sie erzählen, Zeit geben. Zumindest etwas. Manchmal trifft man beim Durchzappen nicht nur auf etwas Neues, sondern auch auf etwas, das einen vom Schlafengehen abhält. Manchmal.

Als die BBC-Serie „Sherlock“ das erste Mal im deutschen Fernsehen lief, war ich genervt und geschockt. Die erste Folge „Eine Studie in Pink“ beginnt mit einer schrecklich lauten Szene. Wie in Sir Arthur Conan Doyles Vorlage auch, kommt Dr. John Watson aus dem Krieg in Afghanistan zurück. Doch der moderne John wird von Alpträumen geplagt –  und in einen davon wird der Zuschauer ohne Vorwarnung hineingezerrt. Kriegslärm, Schüsse, Schreie, Soldaten, die versuchen, nicht getroffen zu werden. John, der aus dem Traum hochschreckt und mühsam um Atem ringt. Das also sollte die Sherlock-Holmes-Neuauflage sein? Gefeiert und ausgezeichnet in Großbritannien? Wo war der Detektiv mit seiner altmodischen Mütze, der Pfeife und wo war überhaupt diese typische britische, leicht altmodische und chaotische Wohnung? Ich schaltete aus. Weil ich zwar nie eine Geschichte mit Sherlock Holmes gelesen, aber dennoch eine ziemlich genaue Vorstellung davon hatte, wie sie zu sein hatte. Aus Filmen, die das Bild eines älteren langweiligen Detektivs zementierten, der umständlich argumentierte und so seine Fälle löste. Jedenfalls in meiner Vorstellung. Und die deckte sich so gar nicht mit dem, was mir „Sherlock“ präsentierte.

Eine zweite Chance

Dann aber erinnerte mich eine Kollegin, mit der ich über lesenswerte Bücher und Krimis plauderte, an „Sherlock“. „Das muss Du unbedingt anschauen. Ist richtig witzig, Sherlock ist total abgedreht und irgendwie leicht autistisch. Die Serie ist sehr spannend. Wird Dir gefallen, sie läuft gerade als Wiederholung.“ Ihre Begeisterung brachte mich dazu, der Serie eine zweite Chance zu geben –  was dazu führte, dass ich warme Sommerabende im Jahr 2012 wie festgenagelt vor dem Fernseher saß, Feuer fing und die nächsten Folgen erst aufnahm, um sie später wieder ansehen zu können. Die Original-DVDs zu kaufen war eine folgenreiche Entscheidung. Denn sie –  und das Verlangen, mehr über diese Serie und den Hauptdarsteller Benedict Cumberbatch zu erfahren – brachte mich zuerst mit den Fans, die sich selbst Sherlockians nennen in Berührung (und denen, die das Cumbercollective bilden und Benedict Cumberbatch mit liebevoller Zuneigung verbunden sind).

„Sherlock“ brachte mich letztlich aber auch dazu, die Original-Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle zu lesen, die ich aus mir heute unerfindlichen Gründen noch nie gelesen hatte (und ich lese sehr viel). Weder auf englisch noch in einer der zahlreichen deutschen Übersetzungen. Der Kanon also, der Steven Moffat und Mark Gatiss dazu inspirierte, „Sherlock“ zu schreiben, den berühmten Detektiv ins 21. Jahrhundert zu verpflanzen und ihn neu zu erschaffen.

„Es ist einfach Liebe.“
Steven Moffat

„Es ist einfach Liebe. Wir lieben Sherlock Holmes. Es ist ein Liebesbeweis“, sagt Steven Moffat über ihre gemeinsame Arbeit (in Media Guardian Edinburgh International Television Festival 2012) und ist dabei sichtlich bemüht, eingefleischte, traditionelle Holmes- und Doyle-Fans davon zu überzeugen, dass ihre Helden mit allem nötigen Respekt behandelt werden.
Moffat und Gatiss sind seit langem befreundet und arbeiten teilweise zeitgleich an verschiedenen Folgen der in Großbritannien seit 50 Jahren erfolgreichen Fernsehserie „Doctor Who“. Beide bekräftigen immer wieder, dass sie seit vielen Jahren Doyle-Fans sind, die das Werk und ihren Autor zutiefst verehren. Mit „Sherlock“ wollen sie nach ihren eigenen Worten zum eigentlichen Kern, dem eigentlichen Wesen, der Sherlock-Holmes-Faszination vordringen und neue Fans für Conan Doyle gewinnen. „Conan Doyles beschäftigte sich in seinen Geschichten nicht mit Gehröcken und Gaslaternen. Im Mittelpunkt standen immer brillante Entdeckungen, furchterregende Bösewichte und blutrünstige Verbrechen. Um es mal ganz offen zu sagen: Zum Teufel mit der Krinoline. Andere Detektive haben Fälle, Sherlock Holmes hat Abenteuer und nur das ist wirklich wichtig.“  („Sherlock unlocked,“ BBC, 2. Staffel, DVD).

Schichten abtragen und Sherlock Holmes heute zeigen

Ihrer Ansicht nach erschuf jede Version Sherlock Holmes auf gewisse Weise immer wieder neu. Sie legte auch jeweils eine Schicht Patina auf die eigentliche Geschichte, die in der Wahrnehmung vieler nur im viktorianischen Zeitalter spielen konnte, also in der Zeit, in der Doyle seine Geschichten schrieb. „Wir kamen zu der Überzeugung, dass es am besten wäre, diese ganzen Schichten abzutragen und ‚Sherlock‘ in der heutigen Zeit zu zeigen. Mit den Figuren wie sie heute leben”, erklärt Gatiss. Das Leben, das Sherlock Holmes heute führt, ist genauso faszinierend und aufregend für die heutigen Zuschauer wie es für die zeitgenössischen Leser gewesen sein muss. Hier wie da staunt das Publikum darüber wie es Sherlock Holmes schafft, Verbrechen nur durch Beobachten und logisches Denken aufzudecken. Denn ein unverrückbarer Bestandteil der Geschichte ist die Figur des Sherlock Holmes‘ – er ist immer noch der einzige Mensch, der dazu in der Lage ist.

„Doyle und Sherlock Holmes haben ziemlich viele Dinge erfunden, die wir für selbstverständlich halten – gerade was die kriminalistische Forensik betrifft. Deshalb konnten wir nicht einfach so tun, als würde es das alle nicht geben. Also lassen wir die Polizei sich um diese ganzen Dinge kümmern. Denn Sherlock Holmes ist immer noch der einzige Mann, der diese Logik und dieses unglaubliche Gehirn hat. Das ist geheimnisvoll und faszinierend”, sagt Gatiss („Unlocking Sherlock“, BBC, 1. Staffel, DVD). Wenn man außerdem noch weiß, dass Moffat und Gatiss seit Jahren immer wieder über die Idee eines modernen „Sherlock“ nachgedacht haben, kann vielleicht auch ein konservativer Holmes-Fan seinen Frieden mit dieser Serie machen, deren Fortsetzung Ende diesen, Anfang nächsten Jahres zumindest auf britische Bildschirme kommt. (Die ARD, bei der die vorherigen Folgen liefen, bemüht sich um die Rechte, wie sie auf eine entsprechende Anfrage schrieb.)

Umweg über die Gegenwart

„Sherlock“-Fans nehmen – im Gegensatz zu konservativen, traditionellen Fans – einen Umweg. Sie verfallen erst einmal dem modernen Sherlock, der von einem brillanten Benedict Cumberbatch verkörpert wird (der außerhalb Großbritanniens durch JJ Abrams’ „Star Trek into Darkness“ bekannter wurde und der demnächst als  Julian Assange in „Inside Wikileaks“ zu sehen ist) und der mit Martin Freeman (er spielt die Titelrolle in „Der Hobbit“, dessen zweiter Teil im Dezember ins Kino kommt und der gerade in „The World’s End“ zu sehen ist) als Dr. John Watson einen kongenialen Partner gefunden hat. Die Sherlockians also diskutieren jede einzelne Szene der bisherigen Folgen, spekulieren darüber wie und wann sie fortgesetzt werden und ob die beiden Hauptdarsteller wegen ihrer anderen Verpflichtungen überhaupt noch Zeit und Lust haben, weiter in der Serie zu spielen. Früher oder später aber kommen diese Fans zurück zum Ursprung, zu Doyles Original, in der BBC-Serie unterbewusst immer präsent ist.

Anders als viele Fernsehserien ist jede „Sherlock“-Folge ein 90 Minuten Film, der in sich abgeschlossen ist und deshalb auch ohne die anderen verstanden werden kann. Aber natürlich wird man die besondere Freundschaft zwischen Sherlock und John nicht wirklich begreifen, wenn man die beiden nicht von Anfang an begleitet hat. Und es ist schlichtweg nicht möglich, sich ausschließlich mit dieser Serie zu beschäftigen, ohne einen Blick auf das Original zu werfen. Jedenfalls nicht als echter Sherlockian. Früher oder später will man wissen wie Doyle diese Szene oder dieses Gespräch geschrieben hat oder ob sich Sherlock auch bei ihm so seltsam benimmt. Denn ohne den Kanon würde es den modernen Sherlock weder geben, noch würde er für sich alleine einen Sinn ergeben.

Wie ist Sherlock im 21. Jahrhundert?

John und Sherlock suchen wie im Original auch einen Mitbewohner und besichtigen die Wohnung mit der berühmten Adresse 221B Baker Street, auf die Sherlock schon ein Auge geworfen hat.  Aber in „Sherlock“ treffen wir auf zwei nicht unattraktive Männer, Ende 30, Anfang 40. „Wir haben die beiden noch nie so jung gesehen“, sagt Steven Moffat – und natürlich haben wir sie auch noch nicht zusammen in unserer Zeit erlebt. Was wiederum genügend Raum lässt für alle möglichen Spekulationen.

„Natürlich brauchen
wir ein zweites Schlafzimmer.“
John Watson

„Es gibt oben noch ein anderes Schlafzimmer. Falls Sie ein zweites brauchen“, erklärt Mrs. Hudson bei der Besichtigung der Wohnung. (Sherlock, Eine Studie in Pink). „Natürlich brauchen wir zwei Schlafzimmer!“, sagt John überrascht –  es ist das erste Mal, dass er so reagiert und es wird ein Running Gag der Serie werden. Denn die Frage, ob zwei Männer nur deswegen zusammen ziehen, weil sie sich die Miete teilen wollen oder ob sie ein Paar sind (John lässt keine Gelegenheit aus zu betonen, dass er nicht schwul ist. Sherlock kümmert sich nicht darum, weil es für ihn schlicht nicht interessant ist) drängt sich bei einer modernen Sherlock-Holmes-Verfilmung auf.

Wenn man Sherlock Holmes ins 21. Jahrhundert verpflanzt, ist die Frage ob die beiden Hauptfiguren homosexuell sind oder nicht, nicht das einzige Problem, das man lösen muss. Wie schaut die Wohnung aus? Wie Sherlock? Wie benimmt er sich? Die Wohnung könnte zwar ein hypermodernes Loft sein. Aber sie hat stattdessen einen altmodischen Touch, sie ist etwas unaufgeräumt, aber nicht zu chaotisch und sie könnte schon seit ein paar Jahrhunderten so sein. Sherlock ist ein eher konservativer Typ mit Anzug, Mantel und Schal (nur im nie gesendeten Pilotfilm trägt er Jeans). Aber er ist auch ein Mann seiner Zeit. Er surft im Internet, schreibt SMS und E-Mails, er hat eine Webseite und schaut Fernsehen (das er mit Vorliebe korrigiert, weil er wie immer alles besser weiß).

„Manchmal spreche ich tagelang kein Wort.“
Sherlock

Aber er spielt auch Geige, komponiert, weil er so besser nachdenken kann, spricht manchmal tagelang nicht, um dann weiterzureden, als hätte er das Gespräch nie unterbrochen. Er wirkt irgendwie autistisch, abwesend, als würde er außerhalb der Gesellschaft leben – auch dann,  wenn er nicht an einem Fall arbeitet und sich ganz normale Menschen um ihn herum über ganz normale Dinge unterhalten. „Wenn ich nachdenke, spiele ich Geige. Manchmal spreche ich tagelang kein Wort. Würde Ihnen das etwas ausmachen? Wenn man sich eine Wohnung teilt, sollte man das Schlimmste voneinander wissen“, sagt Sherlock bei seiner ersten Begegnung zu John. Und zeigt damit Charakterzüge, die auch der Ur-Sherlock Holmes hat. Sie sind lediglich angepasst an unsere Zeit und unsere Sprache. „Manchmal, da blase ich Trübsal und mache tagelang den Mund nicht auf. Sie dürfen dann nicht meinen, ich wäre verärgert. Lassen Sie mich in Frieden, und ich bin bald wieder in Ordnung.”, sagt der Ur-Sherlock Holmes in „Eine Studie in Scharlachrot“.

Befreit vom Staub der Jahrhunderte

Diese Zitate und Anleihen von Sir Arthur Conan Doyle, dem genialen Schriftsteller, wie ihn Mark Gatiss gerne nennt, werden von ihm und Steven Moffat vorsichtig und mit sehr viel Respekt herausgepickt und in einen neuen Zusammenhang gebracht. So ähnlich wie Archäologen mit historischen Kunstwerke umgehen, sie behutsam, aber sorgfältig, vom Staub der Jahrhunderte befreien und ihnen einen angemessenen Platz in einer Vitrine zuweisen, so wollen Gatiss und Moffat auch ihren Umgang mit den Zitaten verstanden wissen.

„Mein Gehirn ist meine Festplatte.“
Sherlock

Wenn sich John beispielsweise über Sherlocks Unwissen über die Konstellation des Sonnensystems aufregt („Das ist Grundschulwissen! Wie kannst Du das nicht wissen?!“ Sherlock, Das große Spiel), erwidert Sherlock entnervt, dass er es gelöscht hat, falls er es denn jemals gewusst habe. Mein Gehirn „ist meine Festplatte. Und es macht nur Sinn, wirklich wichtige Dinge darauf zu speichern. Wirklich wichtige Dinge. Normale Menschen müllen ihre Hirne mit allem Möglichen zu. Deshalb können sie sich nicht an wirklich Wichtiges erinnern.“ (Sherlock, Das große Spiel) Er natürlich schon, weil er ein gut sortiertes Gedächtnis hat, auf das er jederzeit zugreifen kann und das nur Wissen speichert, das er für seine Arbeit braucht.

Im London des Ur-Sherlock gab es natürlich keine Festplatten. Wahrscheinlich gab es noch nicht einmal das Wort. Für Sherlock Holmes ist „das Hirn eines Menschen ursprünglich wie eine kleine leere Dachkammer (…), die man mit Mobiliar versehen muß, das einem genehm ist. Ein Narr nimmt allen Plunder auf, über den er stolpert, so daß das Wissen, das ihm nützen könnte, von der übrigen Menge verdrängt oder bestenfalls von all den anderen Dingen verstellt wird, so daß er es schwerlich erfassen kann.  Der geschickte Arbeiter dagegen wird sehr sorgsam mit den Dingen umgehen, die er in seine Hirnmansarde holt.” (Sir Arthur Conan Doyle, Eine Studie in Scharlachrot). Fast überflüssig zu erwähnen, dass es auch ihm herzlich egal ist, ob sich die Erde um die Sonne dreht: „Sie sagen, wir kreisen um die Sonne. Und wenn wir um den Mond kreisten – für mich oder meine Arbeit würde das nicht den geringsten Unterschied machen.“

Es sind genau diese Hinweise und Andeutungen, mit denen Sherlockians untereinander spielen und verstehen. Nicht nur, weil sie in der Fernsehserie verwendet werden und weil sie sie von dort kennen. Für echte Fans ist es ein schier unendliches Vergnügen, die Hinweise auf Doyle zu entdecken und dessen Werk gleich mit.

Erschienen in: Baker Street Chronicles, herausgegeben von Deutsche Sherlock-Holmes-Gesellschaft, Nummer 10, Herbst 2013 – diese Fassung ist leicht aktualisiert.

Zitate aus „Eine Studie in Scharlachrot“ stammen aus der Insel-Ausgabe der Werke von Arthur Conan Doyle, 7. Auflage, 2013.

Alle anderen Übersetzungen sind von mir.

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