Alan Turing – ein echter Held

Der Zweite Weltkrieg ist auch bald 70 Jahre nach seinem Ende immer noch präsent, jedenfalls wenn man sich den Stoff ansieht, aus dem Filme und Bücher gemacht sind. Mit „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“ (115min, Verleih: Square One) kommt am 22. Januar ein weiterer Film, der in dieser Zeit spielt, ins deutsche Kino. Doch er ist nicht einfach ein weiterer Film, der in dieser Zeit spielt.

„The Imitation Game“ ist ein Film über den auch bei uns weitgehend unbekannten Helden Alan Turing. Der englische Mathematiker war zusammen mit seinen Kollegen maßgeblich daran beteiligt, den Zweiten Weltkrieg – wie Experten heute meinen – um bis zu vier Jahre zu verkürzen und Millionen Leben zu retten, indem er den deutschen Enigma-Code knackte. Doch der Film ist weit davon entfernt im Pathos zu ersticken, denn er ist auch eine Tragödie. Turing, den Zeitgenossen als liebenswerten, aber etwas merkwürdigen Menschen beschreiben, tat immer das, wovon er überzeugt war. Er lebte für die Mathematik, in der er als Genie galt, er war witzig und er war homosexuell zu einer Zeit, in der das verboten war und mit Gefängnis bestraft wurde.

„Sie brauchen mich viel mehr als ich Sie.“
Alan Turing in seinem Vorstellungsgespräch (meine Übersetzung)

TIG_OFTrailer_23_ 2014-07-21 16:22:34

Benedict Cumberbatch als Alan Turing – aus einem Trailer. Screenshot: pb

Der Film von Regisseur Morton Tyldum hat alles, was ein guter Film braucht: er ist witzig, spannend, herzerwärmend und herzzerreißend. Und er ist zu allererst ein Film über Alan Turing (gespielt von Benedict Cumberbatch), der Großbritannien loyal diente, alle Geheimnisse über seine Arbeit in Bletchley Park wahrte und dafür nicht etwa mit allen Ehren bedacht wurde, die ein Land vergeben kann. Alan Turing wurde dafür bestraft, homosexuell zu sein und mit Östrogen behandelt, um ihn von der Homosexualität zu heilen. Außerdem hielt man ihn für unzuverlässig, Geheimnisse für sich behalten zu können und schloss ihn von seiner Arbeit als Kryptoanalytiker beim späteren britischen Geheimdienst aus.

Benedict Cumberbatchs beste Leistung

Benedict Cumberbatch gilt Kennern zurecht als einer der besten Schauspieler seiner Generation. In „The Imitation Game“ liefert er seine bisher beste schauspielerische Leistung auf der Kinoleinwand ab. Sein Alan ist verletzlich, arrogant, witzig, eigenbröterlisch und er tut und sagt immer genau das, was er in diesem Moment für richtig hält. Das wahre Können eines Schauspielers offenbart sich auch in dem, was er nicht sagt, dann nämlich, wenn ein Schauspieler mit einer einzigen Geste, einem einzigen Wimpernschlag einen ganzen Monolog erzählen kann. Das kann Benedict Cumberbatch den ganzen Film über, der in jedem Detail und mit jeder Rolle perfekt ist. Doch in der letzten Szene, die er zusammen mit Keira Knightley hat –  sie spielt Joan Clarke, eine Kollegin und Freundin, die auch noch nach Alan Turings Tod sehr viel für ihn empfunden hat – zeigt sich Benedict Cumberbatchs wahre Meisterschaft. Und die des Films, der auch in herzzerreißenden Szenen niemals kitschig ist.

„The Imitation Game“ ist ein Film, den man gesehen haben muss. Er verdient jede Auszeichnung, für die er bereits jetzt gehandelt wird.

 

Update: [25.Januar 2015]

Gestern habe ich die deutsche Fassung gesehen. Und ich muss zugeben: Sie ist nicht so schlimm wie ich befürchtet habe. Erst vor ein paar Tagen habe ich den deutschen Trailer noch einmal gesehen und war der festen Überzeugung, dass die Synchronisation grottenschlecht ist. Vor allem beim Vorstellungsgespräch zwischen Alan Turing (Sprecher: Tommy Morgenstern) und Commander Denniston (Leon Richter) hatte ich den Eindruck, dass beide Synchronstimmen überhaupt nicht zu denen der Schauspieler passen und viel zu hoch rüberkommen. Ein Eindruck, der sich dann auch bestätigt hat. Dass Tommy Morgenstern, der auch Sherlocks deutsche Stimme ist,  hier Benedict Cumberbatch seine Stimme leiht, hätte ich nicht gedacht. Sie klingt mir vergleichsweise viel zu hoch. Was aber sicher daran liegt, dass ich nicht nur an Benedicts tiefe Stimme gewöhnt bin, sondern auch daran, dass ich viel im englischen Original anschaue – dem Internet sei Dank. Daher wirken Synchronfassungen auf mich irgendwie flacher und zu sehr einem Hochdeutsch angepasst, dass im üblichen Sprachgebrauch so nicht verwendet wird. Das gilt auch für „The Imitation Game“.

Es ist sicher nicht leicht, eine Synchronisation zu machen: Vieles aus der Originalsprache ist schlichtweg nicht 1:1 ins Deutsche zu übersetzen, von der Koordination der Lippenbewegungen ganz zu schweigen. Weil nicht jeder einem Film auf Englisch (oder auch einer beliebigen anderen Sprache) folgen kann, ist sie dennoch hilfreich. Wer aber die Möglichkeit hat, die Originalfassung zu schauen, sollte das unbedingt tun. Auch wenn es vor allem für Ungeübte nicht leicht ist. Es lohnt sich!

Den englischen Trailer gibt es hier.


Hier gibt es den deutschen Trailer.

Grundlage für den Film ist das lesenswerte Buch von Andrew Hodges „Enigma“. Meinen englischen Buchtipp gibt es hier.

You can find the English version of this entry here.

Bücher meines Jahres

Es ist wieder soweit. Das Jahr ist fast zu Ende – Zeit also für meine persönliche Lesebilanz des Jahres. Die wie auch schon im vergangenen Jahr völlig subjektiv ist.

Dass ich in 2014 mehr Bücher gelesen habe (37 statt 34 im vergangenen Jahr), liegt vielleicht daran, dass weniger dicke Schmöker dabei waren.
Gesamt: 38
E-Books: 7
Normale Bücher: 30
Englische: 17

Gelesen habe ich:

Edward St Aubyn:

Never Mind, Bad News, Some Hope, Mother’s Milk, At last, sowie Lost for Words – mein neuentdeckter Autor, dessen Themen nicht immer einfach sind, aber immer wunderbar geschrieben. Seine Bücher sind auch auf Deutsch erhältlich.

Neil Gaiman

Niemalsland, Der Ozean am Ende der Straße:
Beides sind Märchen für Erwachsene, die in fantastische Welten entführen, die gar nicht mal so weit weg von der realen Welt sind.
Ein liebevolles Märchen ist auch das E-Book „Hannah Halblicht“ von Stefan Reinmann. Es ist auf allen gängigen Plattformen erhältlich.

Zu Alan Turing/ Enigma:

Robert Harris: Enigma; Sinclair McKay: The Secret Life of Bletchley Park, Fergus Mason: The tragic life of Alan Turing

Ian McEwan:

Der britische Autor schreibt nicht nur wunderbar. Seine bei Diogenes auf Deutsch erhältlichen Bücher sind auch ein gutes Beispiel dafür, dass eine Übersetzung dem Original gerecht werden kann.
Unschuldige
The Children Act (wird im Januar bei Diogenes auf Deutsch erscheinen und „Kindeswohl“ heißen)
The Comfort of Strangers

Ken Follett: Kinder der Freiheit

Der letzte Teil der Trilogie um mehrere Familien, deren Geschichte auch die Europas ist. Leider ist die Übersetzung holprig und schadet dem Lesevergnügen.

Max Frisch:

Aus dem Berliner Journal – meine ausführlichere Besprechung gibt es hier.

Shaun Usher: Letters of Note

ist ein Buch, das man trotz seines Gewichts gerne zur Hand nimmt und sich in die Intimität des Briefeschreibens entführen lässt. Mittlerweile ist auch eine deutsche Übersetzung unter dem Titel „Briefe, die die Welt bedeuten“ erschienen. Meine englische Besprechung gibt es hier.

Sherlock Holmes

Natürlich mussten es auch in diesem Jahr wieder Bücher über und mit dem großen Detektiv sein.
Sir Arthur Conan Doyle: Das Zeichen der Vier (bei Diogenes)
Mitch Cullin: A Slight Trick of the Mind – eine liebevolle Hommage, von der ich (noch) keine deutsche Übersetzung gefunden habe. Meinen Tipp gibt es auf Deutsch und Englisch.
Sherlock Holmes – The Man who has never lived and will never die ist das Begleitbuch zur Sherlock-Holmes-Ausstellung im Museum of London und zeigt viel mehr als „nur“ Sherlock Holmes.
Sherlock Chronicles – ein Muss für Sherlock-Fans

Klassiker:

William Shakespeare: Henry V, Hamlet, Richard III.
Wirklich nicht neu, aber neuentdeckt mit den liebevollen zweisprachigen Ausgaben, die bei Ars Vivendi erschienen sind. Wer sparen möchte und nicht unbedingt ein druckfrisches Buch haben muss, kann sie auch antiquarisch kaufen. Ich bin bei booklooker.de fündig geworden.

Franz Kafka

Saul Friedländers Biografie ist eine gute Einführung in Werk und Leben des Schriftstellers.

Gut unterhalten fühlte ich mich mit:

John Green: The Fault in our Stars (Das Schicksal ist ein mieser Verräter) – ist einfach nur zum Heulen schön.
David Grann: Die versunkene Stadt Z – auf der Suche nach einer Stadt und einem Forscher
Donna Leon: Das goldene Ei – der alljährliche Guido-Brunetti-Fall
Ingrid Noll: Hab und Gier – gut, aber es gibt bessere Romane der Autorin
Bernhard Schlink: Die Frau auf der Treppe – typisch guter Bernhard Schlink
Chris Chibnall/ Erin Kelly: Der Mörder ist unter uns – ist das Buch zur britischen Fernsehserie „Broadchurch“ und mindestens genauso spannend.
Dave Eggers: Der Circle – so könnte die Arbeit bei Google aussehen.
Donna Tartt: The Goldfinch (Der Distelfink) – gut, aber mit Längen
Saskia Goldschmidt: Die Glücksfabrik – die Geschichte einer Pharmafabrik vor dem Hintergrund des Dritten Reichs.
Alan Bennett: Leben wie andere Leute – der Autor blickt auf das eigene Leben zurück.

Sherlock Holmes behind glass

He is one of the most adapted literary figures of all times and has a very special relationship with London. The fact that the exhibition „Sherlock Holmes – The man who has never lived and will never die“ (Museum of London, till 12th April 2015) is the first since 63 years to focus on the famous detective is astonishing. But maybe it’s just the right time. There are new films and BBC aired the third series of „Sherlock“ with Benedict Cumberbatch and Martin Freeman as the famous Sherlock Holmes and Dr. John Watson this year. The fourth will be filmed 2015 including a Christmas special and will hopefully hit telly not too late in 2016.

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Photo: Petra Breunig

 The only consulting detective the world has ever seen

But we wouldn’t have neither of these films without Sir Arthur Conan Doyle. With the first stories published in 1887 he created a genius who baffled his readers with eccentricity, logic and a very keen observation: Sherlock Holmes, the only consulting detective the world has ever seen, was always ahead of his time. But Conan Doyle created much more. He placed his figure right into Victorian London, the city which played the third major role besides Holmes and Watson in most of the 56 short stories and two novels, as some critics say. A city full of fog and hansom cabs which in the exhibition comes to life with the help of early photographs and paintings. Among them is the Charing Cross bridge of Claude Monet and the  huge painting of George William Joy called „The Bayswater Omnibus“ which I found very impressive.

Sherlock Holmes‘ London is both a fiction and reality. The famous address 221B Baker Street is fictional whereas Baker Street does exist. And so does the tube or West London. London was a city in transformation. Houses were demolished, streets widened and so the London we know today slowly came to life. Films prove the fact that London about 1900 was a city buzzing with life and people.

 

„I selected paintings (…)  which resonate with Sherlock Holmes.“

Dr Pat Hardy, Art Curator at the Museum of London

“It took me about two years and a lot of negotiation to secure the pieces which appear in the exhibition“, says Dr Pat Hardy, Art Curator at the Museum of London. „I selected paintings which made the visual points we are trying to get across and which resonate with Sherlock Holmes, for example those relating fog, mystery, busy streets, hansom cabs, trains, suburbs, grand architecture and the sheer size of London”.

 

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Photo: Petra Breunig

 

And of course there are other pieces helping to bring Sherlock Holmes to life. Of course there is the pipe and  magnifier, bunsen burner, pliers and test tubes, but there are typewriters and a fingerprint kit, coats (yes, Benedict Cumberbatch’s belstaff is there, too), hats and deerstalkers. Scenes taken of diverse Sherlock Holmes films and re arranged make it quite clear that Sherlock Holmes was always a man of his time and always was re invented anew. And he proves the fact that Arthur Conan Doyle was a fantastic author even though he hates his famous figure and always thought of the stories of the famous detective as something not worth his time.

More about the exhibition.

The German version of this article was first published in Fränkischer Tag and online at infranken.de.

Sherlock Chronicles – a wonderful treat for a fan

Sherlock Chronicles. Photo: pb

Sherlock Chronicles. Photo: pb

You think you do know everything about BBC’s Sherlock? Think twice, dive into the wonderful book „Sherlock Chronicles“ written by Steve Tribe and take a stroll from the very beginning (or even before the beginning itself) to the latest episode so far.

The book is stuffed with all kind of information any Sherlockian needs to know. There are deleted scenes-scripts, behind the scenes pictures and interviews with cast and crew members. But was makes this book outstanding compared to other Sherlock fan books is the reference to Sir Arthur Conan Doyle’s original stories. „Holmes from Holmes“, as the writer names it, shows quotes from the canon and how and where Mark Gatiss and Steven Moffat used them in one of the episodes. You will always find it baffling to read and realise again how modern Sherlock Holmes is and always has been – and how brilliant all episodes of „Sherlock“ are, how carefully they are arranged and how deep their connection to Doyle is.

„Sherlock Chronicles“ is a must have book for every fan and a wonderful gift for a Sherlockian dear to your heart.

Steve Tribe: Sherlock Chronicles. BBC books, Penguin Random House, about 16 £/ 22 €.